Sie sind hier: Home  Bruchsal  30 Jahre ein Leben in Freiheit

30 Jahre ein Leben in Freiheit

Bruchsal, 04.10.2019  
Friseurin Kitty Groß hält die Hälfte des Zehn-Mark-Scheins in der Hand, den sie damals hier geschenkt bekam. Foto: Th. Zeh

Erinnerungen von zwei DDR-Flüchtlingen: So war’s damals

Von KURIER-Redakteurin Sonja Zeh

Bruchsal. Gerade aktuell weilt Heiko Rätze in Prag. Es zieht ihn zurück an den Ort, wo er vor 30 Jahren aus der DDR hingeflüchtet war – in der Hoffnung, im Westen ein neues Leben in Freiheit zu finden. „Prag muss eine schöne Stadt sein“, sagt er, „gesehen hat man damals ja nicht viel, weil ja alles so schnell ging.“ Damals, vor 30 Jahren, 1989, war Heiko Rätze 24 Jahre jung. Er lebte in Radeberg bei Dresden – in Unfreiheit, im sozialistischen Ostdeutschland. In der DDR, der Deutschen Demokratischen Republik, die alles andere als demokratisch war.

Die heutige Generation hat das geteilte Deutschland nicht miterlebt, weiß vielleicht auch gar nicht mal, dass es zwei deutsche Staaten gab. Kann sich in der heutigen Zeit auch nicht ausmalen, wie die Ostdeutschen 40 Jahre lang vom Honecker-Staat mit sowjetrussischem Einfluss überwacht, diktiert wurden, während die Jugend im Westen mit Jeans und Rock ’n’ Roll aufwuchs. Die Jugend kann heute im geeinten Deutschland die Freiheit in allen Lebenslagen genießen.

Der Stasi-Staat war schlimm. „Man konnte sich ja nicht mal normal an der Bushaltestelle unterhalten. Da stand einer hinter dir und hat zu verstehen gegeben, das Gespräch jetzt zu beenden“, hat Kitty Groß, damals Möller, bis heute nicht vergessen. Kitty war damals 17, als sie der DDR entfloh.

Heiko und Kitty – die beiden kennen sich nicht, wohnen in Obergrombach und Bruchsal. Sie sind zwei Personen von den rund 1 500 DDR-Übersiedlern, die im Oktober und November 1989 nach Bruchsal gekommen waren. Und sie fanden hier ein neues Zuhause. Sind bis heute geblieben. Ihre Herkunft ist allerdings durch den sächsischen Dialekt unverkennbar. Den legt man nicht so leicht ab. Manchmal wird einem noch der „Ossi“ vorgehalten“, schmunzelt Heiko Rätze, während für andere der nicht-badische Dialekt im Badischen einfach nur interessant klinge. Den Wunsch gehabt, in den Osten zurückzugehen, hatte er nie.

Heiko und Kitty sind hier in Bruchsal angekommen, haben Arbeit gefunden und blieben der treu. Heiko arbeitet seit 30 Jahren bei der Bruchsaler Dachdeckerfirma Kistenberger. Kitty ist Friseurin im Salon Heneka.

„Vier junge Kerle waren wir damals, die den Fluchtplan ausgeheckt haben“, erzählt Heiko, der mit der politischen Situation in der DDR nicht einverstanden war. Trotz aller Zwänge hatte er dennoch eine glückliche Kindheit und Jugend erlebt. Doch wurde der Drang nach Freiheit immer stärker. „Keine Reisefreiheit. Das war der Hauptgrund“, erinnert er sich. Ausreiseanträge hatte er schon einige Male gestellt – vergebens. Und mit der Stasi war er ein paar Mal in Konflikt geraten. Also weg von dort: Um 13.10 Uhr hatten er und seine Kumpels es bis zur Grenze geschafft, von Dresden über Chemnitz nach Prag. Um 14 Uhr hörten sie im Radio, das die DDR die Grenze zur CSSR (heute Tschechien) geschlossen hat. Gerade noch gut gegangen: Sie landeten schließlich in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag. Ende September ’89 drängelten sich dort 3 500 Personen im Gebäude und im Garten. Zehn Minuten nachdem Heiko Rätze und seine Kumpels dort angekommen waren, erlebten diese gleich hautnah neben der ZDF-Kamera die Top-Nachricht mit, dass die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge genehmigt wurde. „Großer Jubel brandete auf“, erzählt der heute 54-Jährige, als der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September auf dem Balkon der Botschaft die berühmten Worte gesprochen hatte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ Die weiteren Worte gingen im unbeschreiblichen Jubel unter.

17 Stunden war Heiko Rätze dann noch mit dem Zug unterwegs. Es ging nochmal durch die DDR: „Da kam die Stasi in den Zug und hat uns unsere Pässe abgenommen.“ Westdeutsche Beamte hatten sie über diese Maßnahme der Ausbürgerung vorgewarnt und gemeint, sie sollten kein Theater machen. Von Prag fuhr der Zug nach Dresden und dann nach Hof. Dort wurden die 745 Flüchtlinge mit Essen und Trinken versorgt.

Insgesamt fuhren in diesen Tagen Züge mit insgesamt 17 000 Flüchtlinge von Prag über die DDR in die Bundesrepublik.

Wie ist Heiko Rätze dann in Bruchsal gelandet? „Wir konnten es uns aussuchen, wohin wir wollten. Ich sah am Bahnhof ein Schild mit der Aufschrift ’Stuttgart’.“ In den sei der dann eingestiegen. Letztlich kam er in Bruchsal an, weil die Stadt viele Flüchtlinge aufnehmen konnte und daher zur Bundesaufnahmestelle deklariert wurde. Dort erwartete ihn ein großer Willkommens-Bahnhof. „Erstmal war man fix und fertig von der langen Fahrt“, weiß Rätze noch und schildert den ersten Eindruck der Neuankömmlinge im Westen: „Es war alles neu und überwältigend.“ Als damals Alleinstehender fand er dann eine Unterkunft in der Bepo, für eine Woche. Dort las er einen Aushang von Firmen, die Mitarbeiter suchten. Bei der Firma Kistenberger blieb er hängen. Deren Chef, Hans-Peter Kistenberger zeigte sich hilfsbereit gegenüber den Übersiedlern. Er vermittelte auch Rätze eine erste Bleibe, baute für diese einen Speicher aus, besorgte Möbel. Später konnte der gelernte Zimmermann durch Kistenberger eine Wohnung in der Moltkestraße finden. Heute wohnt Heiko Rätze mit seiner Frau Kathrin die auch aus der DDR kam, und die er hier kennengelernt hatte, in Obergrombach. Eine große Freundschaft hat sich mit seinem Vermieter Klaus-Jürgen Kleinlagel entwickelt. Dankbar ist Rätze noch heute den Familien Volker und Elvira Schäfer sowie Artur und Birgit Schmidt, die Patenschaften für Heiko Rätze übernahmen. Heiko Rätze sowie ein weiterer ehemaliger DDR-ler sind der Firma Kistenberger bis heute treu geblieben.

Auch beim Bauunternehmer Heinrich Schweikert fanden damals einige DDR-Übersiedler eine Arbeit. Der „Backenstein“, so wie der einflussreiche Unternehmer in Bruchsal genannt wurde, verteilte am Bahnhof Zehn-Mark-Scheine an die Übersiedler. Eine Hälfte davon hat bis heute Kitty aufbewahrt. Die andere behielt ein Übersiedler, den es nach Norden verschlagen hatte. Der Weg der ehemaligen Zwickauerin führte im November 1989 nach Bruchsal, über Schirnding in Bayern an der deutsch-tschechischen Grenze. Mit dem Bus sei sie ins dortige Aufnahmelager gelangt. Von dort ging es nach Rastatt, dann nach Bonn, zurück nach Rastatt, schließlich nach Bruchsal und in die dortige Dragonerkaserne. „Ich wollte nach Bruchsal, weil hier meine Mutter war, die vorher über Prag abgehauen war.“ Kitty Möller war 17, als in ihr der Gedanke reifte, zu fliehen: „In der DDR war man eingesperrt.“ Der Plan misslang erst mal dank ihrer angeblich besten Freundin. Die hatte sie nämlich verpfiffen: „Einen Abend bevor wir abhauen wollten, hatten mich drei Männer aus der Badewanne geholt.“ Nach dreistündiger Gehirnwäsche der Stasi, indem ihr gedroht wurde, ihr Vater käme in den Knast falls sie abhaue, wurde sie zuhause wieder abgesetzt. Die Flucht hat sie dennoch durchgezogen. Offiziell wollte sie in Tschechien wandern gehen. „Wir haben nur eine Tasche gepackt. Ohne Zeugnisse. In die CSSR durften wir rein, aber das Auto wurde einkassiert.“ In Schirnding hat Kitty noch die Gulaschkanone in Erinnerung. Privatleute halfen dort den Flüchtlingen. Sie lacht: „Wir sind im roten Peugeot mitgefahren, und ich dachte, wir fliegen! Keine Pflastersteine auf den Straßen!“ Beeindruckt war Kitty auch im Kaufhaus und fasziniert vom dortigen Angebot: „Da lagen grad so die Ananas und Jeanshosen rum.“ In der Dragonerkaserne in Bruchsal war Kitty zunächst untergebracht, bevor sie dann bei ihrer schon hier lebenden Mutter unterkam.

Schließlich half dann der 17-Jährigen eine Bruchsaler Apothekerin bei der Wohnungssuche. Sie stellte ihr in deren Haus eine kleine Wohnung zur Verfügung. Kitty erinnert sich auch noch daran, wie erstaunt sie war über die vielen Kleiderspenden in der Handelslehranstalt. „Da habe ich mich eingekleidet, und dachte verwundert: ’Die schmeißen das alles fort.’“ Gearbeitet hatte die Übersiedlerin zunächst in der Durlacher Straße beim Friseur Roland. Kontakt zu den Einheimischen habe sie schnell gefunden, wobei ihr nicht gefiel, dass sie anfangs wegen des Dialekts gehänselt wurde. Andererseits kam ihr der Brusler Dialekt „italienisch“ vor, lacht sie. Heute besucht Kitty Groß mit ihrem Mann immer mal wieder den Osten, wo sie noch Familie hat.
Mehr Artikel im ePaper Ausgabe Bruchsal lesen