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Aufregung um Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg

Bruchsal, 07.02.2019  
Bombenabwurf auf Bruchsal am 1. März 1945 um 13.57 Uhr: Acht Sprengbomben (eine solche wurde jetzt gefunden) und zwei Brandbombenbehälter auf Bruchsal sind zu erkennen sowie die Bahnbögen und die Dragonerkaserne. Insgesamt warfen beim März-Angriff die amerikanischen Flieger an die 894 Sprengbomben und rund 454 Brandbombenbehälter ab. Foto: Archiv Hubert Bläsi/pr

Eine amerikanische Fliegerbombe bei der Bahnstadt hatte für eine Evakuierung in Bruchsal gesorgt

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Von KURIER-Redakteurin Sonja Zeh

Bruchsal. Manchmal kommt der 1. März näher, als man denkt und verdrängt die Gegenwart. Vorige Woche platzte sprichwörtlich eine Zweite Weltkriegs-Bombe hinein in den Bruchsaler Gemeinderat. Manche sprachen im Nachhinein von einer „bombigen Stimmung“ im Rat – im wahrsten Sinne des Wortes. Zunächst war alles ruhig. Die Gemeinderatsitzung begann pünktlich um 17 Uhr und schien den gewohnten Gang zunehmen mit der Abarbeitung einer großen Tagesordnung von überwiegend sozialen Themen: Zunächst stellten die Vertreter von „Neues Altern!“ den Stadträten ihre Projekte vor. In dem Moment hatte schon Bürgermeister Andreas Glaser andere Sorgen. Er wusste Bescheid. Fünf Minuten vor der Sitzung habe er den Hinweis über einen Verdacht eines Bombenfundes in der Bahnstadt erhalten, erzählte er am nächsten Tag dem KURIER – am Ende einer langen Nacht und eines halben Tages um die Aufregung einer amerikanischen Fliegerbombe.    Am Abend zuvor hatte Bürgermeister Glaser immer mal wieder die Stadtratsitzung verlassen, kehrte an seinen Platz zurück, um sich dann in einer Ecke zu Vier- und weiter zu Sechsaugengesprächen zurückzuziehen. Um 19.16 Uhr bekamen die beiden anwesenden Medienvertreter von ihm und der Pressesprecherin gesteckt, was denn los ist: Bombenfund in der Bahnstadt! Sofort machte man sich auf, die Nachricht aufzubereiten und in den Medienkanälen zu verbreiten. Da hatten gerade die Räte den Punkt 9 „Fahrradvermietsystem“ abgesegnet und befassten sich mit der Fortschreibung des Einzelhandelskonzepts der Stadt Bruchsal. Doch das Thema, das schon „ein alter Hut“ ist, schien niemanden so richtig zu interessieren. Als in der nächsten Stunde die Unruhe im Saal zusehends wuchs, griff der Bürgermeister 20.16 Uhr zum Mikrofon und verkündete die Nachricht. Im Zuge von Baggerschürfungen im künftigen Quartiersplatz in der Bahnstadt (Ecke Exiltheater, Saalbach und ADAC) sei man auf eine Fliegerbombe gestoßen. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst aus Stuttgart sei vor Ort. Es handele sich um eine 250 Kilo Bombe mit einem mechanischen und keinem chemischen Zünder. Die vermutlich leichte Entschärfung sei für den nächsten Morgen angesetzt. Im Umkreis von 300 Metern soll das Gebiet evakuiert werden. Es bestünde kein Grund zur Panik. Man wolle aber die ganzen Maßnahmen anlaufen lassen, die anstünden. Er sei mit Polizei und Ordnungsamtsleiterin Frau Deutsch in Kontakt. Die Autorin dieser Zeilen fuhr nach der Gemeinderatsitzung in die Bahnstadt und sah ein warnblinkendes Auto gegenüber dem Fundort parken, was die Aussage Glasers bestätigte, die Bombe werde die ganze Nacht bewacht.    Noch abends gegen Ende der öffentlichen Gemeinderatssitzung trat der Verwaltungsstab im Rathaus zusammen zur Besprechung über das weitere Vorgehen. Alle Maßnahmen wurden eingeleitet: Hilfsorganisationen zusammengetrommelt, Schulen im betroffenen Stadtgebiet informiert, ebenso Gewerbebetriebe, die Stadtwerke, das Dialysezentrum, das Pflegezentrum in der Prinz-Wilhelm-Straße, die Deutsche Bahn und so weiter. Gegen 20 vor 3 nachts verbreitete die Stadt dann den Plan der anstehenden Evakuierungsmaßnahmen. Wenige Stunden später wurden die Infos zu den Sonderbussen rausgegeben, welche die 1158 Bewohner des zu evakuierenden Gebiets in das Sportzentrum und östlich der Bahn ins Bürgerzentrum bringen sollten.

Während der Tag langsam über Bruchsal hereinbrach, und das Leben erwachte, sperrte die Polizei, die mit 100 Kräften im Einsatz war, Straßen ab. Viertel vor zehn war im Rathaus eine Pressekonferenz anberaumt, die hauptsächlich eine Menge Kameraleute anzog. Nur verkehrsmäßig habe es einige Probleme gegeben, informierte Wolfgang Ams, Chef des Bruchsaler Polizeireviers.   Es verlaufe alles ruhig und professionell, unterstrich Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick. Jeder wisse was zu tun sei. Da die Realschüler schon nachts durch soziale Medien informiert worden waren, dass die Schule ausfalle, blieb das Sportzentrum als Sammelstelle leer. Im Bürgerzentrum hatten sich lediglich um die 30 Senioren eingefunden. Um 10.30 Uhr war die Evakuierung komplett abgeschlossen, das Gebiet menschenleer. Auch der Bahnverkehr wurde zu diesem Zeitpunkt eingestellt. Unmittelbar danach begannen die vier Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KMBD) aus Stuttgart mit der Entschärfung der Bombe, welche die Medienvertreter von der Büchenauer Brücke aus, wohin zwei Feuerwehrbusse sie gefahren hatten, weithin beobachten konnten. Zu sehen war ein sich bewegender Bagger und mindestens zwei dunkelgekleidete Personen. Bombe hängt am Haken – der dpa-Fotograf hatte sein Motiv. Kurz darauf kam die offizielle Bestätigung: 10.58 Uhr wurde der Blindgänger in drei Metern Tiefe entschärft. Das KMBD-Team um Mathias Peterle hatte den Zündkopf gekonnt abgedreht. „Hut ab vor ihre Arbeit“, bekundete die Oberbürgermeisterin, die eine Stunde später am Fundort eintraf, nachdem zuvor die Medienvertreter die Bombe fotografieren und die Entschärfer interviewen konnten. Es habe alles hervorragend funktioniert, lautete ihr Fazit. Sie sei froh, dass man jetzt erst am Ende der ersten Bauphase der Bahnstadt auf eine Bombe gestoßen sei. Man hätte schon früher mit einem Bombenfund gerechnet. Da im Zweiten Weltkrieg der frühere bedeutende Rangierbahnhof Ziel vieler Jagdbomberangriffe war, ist nicht ausgeschlossen, das noch weitere Blindgänger da unten in der Erde schlummern.
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