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Denkwürdiger Schulausflug in die DDR

Bruchsal, 11.04.2019  
Diese Relikte vom DDR-Schulausflug überstanden 35 Jahre: Postkarte, Museums-Eintrittskarte, Gästeausweis vom Thüringer Hof und Etiketten der seltsam schmeckenden Ostbrause. Foto: jaz

Der Trip vor 35 Jahren bringt Erinnerungen hervor: Wie ein Ami die Grenze passierte

Von KURIER-Redakteurin Sonja Zeh

Bruchsal. Ja, ich gebe zu, ich war schon 1984 als 16-Jährige eine Süße. Der kleine, hier groß abfotografierte Zettel (links zu sehen), ist ein Beleg dafür. Auf diesem musste ich alles notieren, was ich in die damalige Deutsche Demokratische Republik einführte. Für die junge Generation zur Erklärung: Damals war Deutschland noch geteilt. Das waren also 30 Deutsche Mark und als Proviant Äpfel und die Süßigkeiten, die ich mit rüber nahm. Ohne diese Nervennahrung hätte ich wohl den Schulausflug in die Ostzone nicht überstanden. Und ich hatte schon ein mulmiges Gefühl, als ich es wagte, einen Amerikaner in die DDR zu schmuggeln. Damit mich die Grenzposten nicht festhielten – man hat ja einige Schauergeschichten gehört – habe ich in Klammer erklärt, dass es sich hierbei um ein Gebäck und nicht um den ungeliebten Ami des kapitalistischen Westens handelt.

Kommunismus, Mauer, Grenzzäune mit Stacheldraht, Stasi, Spitzel, Honecker, Russenfreundlichkeit – was war ich aufgeregt, als ich mitten im Kalten Krieg mit meiner Klasse 10a der Albert-Schweitzer-Realschule am 12. April 1984 morgens um 5 Uhr zu einer Busfahrt in die DDR gestartet war. Unser Klassenlehrer, der aus Thüringen stammte und immer davon überzeugt war, dass Deutschland irgendwann wiedervereinigt sein wird, hatte uns Wochen vorher instruiert, wie wir uns in der Ostzone verhalten sollten. Und das neue schwarz-rot gemusterte schreckliche Kleid, das mir damals meine Mutter teuer kaufte (es gefiel mir, und es war das einzig Schicke, das wir in Bruchsal fanden) war auch im Gepäck. „Die Mädchen müssen einen Rock oder ein Kleid beim Abendessen im Hotel tragen“, hatte unser Lehrer „Ebse“ befohlen. Nach dem Trip hatte ich das Kleid höchstens noch zweimal getragen. Aber erst voriges Jahr wanderte es in die Altkleidersammlung. Ich kann mich eben schlecht von Altem trennen.

„Wir fuhren auf der Autobahn. Die Strecke war zirka 320 Kilometer lang“, notierte ich ins damalige Tagebuch, das ich natürlich heute noch besitze. „Vor Herleshausen sahen wir die Wachtürme. Hier machten wir eine kleine Toilettenpause.“ So weit also mein erster Eindruck von Ostdeutschland. „Die Grenzüberschreitung erfolgte um 9.45 Uhr, nachdem wir 45 Minuten warten mussten.“ Unendlich lange erschien uns die Zeit damals. Hinterhier wussten wir warum: Wir hatten eine türkische Mitschülerin dabei, und deren Pass nahmen sich die Beamten in ihrem Wärterhäuschen genauer unter die Lupe. Alle anderen mussten sich der Gesichtskontrolle im Bus stellen. Dafür kamen „zwei nette Beamten“ herein, hatte ich notiert, die mit dem jeweiligen Pass in der Hand von Schüler zu Schüler gingen und uns musterten. Der „Amerikaner“ auf meinem Einfuhrzettel dagegen schien nicht zu interessieren. Ich hielt nach der Reise weiter fest: „Als wir in Eisenach hineinfuhren, war der erste Eindruck holprige Straßen, unverputzte Häuser, stickige Luft, alte Autos Marke Trabant und Wartburg.“ In Eisenach erwartete uns eine Reiseleiterin. Die tauschte unser Geld um: So wurden aus 10 Deutsche Mark zehn Ostmark. Was für ein Werteverlust! Von Minderqualität waren die Münzen. Und so leicht. Irgendwo in einer Schublade liegt heute noch eine.

Das erste Ausflugsziel war die berühmte Wartburg, wo man keine Fotos mit Blitz machen durfte. Bei der Besichtigung schloss sich uns eine russische Reisegruppe an. Wir verstanden sie nicht. Dolmetscher hatten übersetzt. An das anschließende Mittagessen will ich mich lieber nicht erinnern: „eine gesalzene, fette Suppe, Kartoffeln und Hammelfleisch sowie Cola mit Schuss.“ Interessant war die Erkundung des Geburtshauses von Johann Sebastian Bach sowie das Lutherhaus. Mit meinen Freundinnen und Frau Dörflinger, als begleitende Elternvertreterin, spazierte ich in der Fußgängerzone entlang. Und da trafen wir auf ungefähr gleichaltrige Jugendliche, die uns wie Außerirdische betrachteten und uns abschätzende Blicke zuwarfen. Mir war das unangenehm, und wir gingen weiter. Vor einem Schuhladen sprach uns eine ältere Dame an. Es entwickelte sich eine zwanglose Plauderei. Sie dachte, wir Brusler kämen aus Schwaben! Ihr Bruder lebte in Stuttgart, erzählte sie uns. Wir hatten nicht den Eindruck, als führe sie in der DDR ein schlechtes Leben. Im Gegenteil: Sie schenkte uns Westlern spontan 20 Ostmark! Sahen wir so bedürftig aus in den Augen der Ossis? Wir waren überrascht und gaben ihr zum Abschied noch die Hand.

Unsere Gruppe hatten wir inzwischen verloren. Und die suchte uns schon! Da kam unser Lehrer mit hochrotem Kopfuns aufgeregt entgegen und wollte eine Schimpftirade loslassen. Als er aber unsere „Mutter“ Frau Dörflinger sah, war er beruhigt. Nein, die Stasi hatte uns nicht einkassiert.

Die Reise ging per Bus weiter nach Weimar durch Erfurt, wo wir riesige Häuserblocks erblickten. In Weimar stiegen wir ab im Hotel Elephant, wo schon Lilli Palmer, Leo Tolstoi, Werner Heisenberg und andere Berühmtheiten übernachteten. Ja, und zum Abendessen zog ich mein teures Westkleid an. Zum Essen wurde uns Sauerkraut und Würste mit Senf serviert. Zum Trinken gab es Bier und Soda. Zitronenschaum als Nachtisch.

Das Nachtleben in der DDR durften wir nicht erkunden, weder in Weimar noch in Erfurt, wo wir im historischen Stadtkern, im Thüringer Hof übernachteten. Dort hatte ich mit meiner Freundin das schönste Zimmer – ein ganzes Apartment! Also trafen sich alle bei uns und machten Party. Tagsüber wandelten wir auf den Spuren deutscher Denker: Schiller und Goethe und bestaunten auch in Mühlhausen die Marienkirche, die Gedenkstätte des Bauernführers Thomas Müntzer.

Und was nahm ich aus der dreitägigen DDR-Reise mit, was ich wiederum auf einem Zettel belegen musste? Den gedruckten Erlkönig von Goethe sowie Postkarten. Den Ami hatt ich schon längst verspeist.
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