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Die Frösche sind wieder auf dem Sprung

Bruchsal, 14.02.2019  
Die ersten Amphibien setzen Regine Carl (Mitte) und Irene Bründermann an der B3 Untergrombach in einen Eimer, um sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite wieder frei zu lassen. Bei der abend- lichen Hilfsaktion wirkt KURIER-Redakteurin Sonja Zeh (links) mit. Fotos (4): Hora

Am vergangenen Samstag startete die Amphibienwanderung / KURIER-Redakteurin im Einsatz in Untergrombach

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Von KURIER-Redakteurin Sonja Zeh

Bruchsal-Untergrombach. Was mein spontanes Vorhaben am vergangenen Samstagabend „Ich geh’ Frösche einsammeln!“ im Vorfeld für belustigte Reaktionen hervorrief, bestärkt mich umso mehr darin, aufzuklären. Aufzuklären über die Amphibien, die mitten unter uns Menschen leben, zum Beispiel oben im Bergwald beim Ortsausgang Untergrombach. In der Dämmerung kommen sie raus und machen sich jetzt wieder auf den Weg zu ihren Lachgewässern. Nur: diese finden sích über der Bundesstraße 3. Und darüber zu springen bezahlt der Spring- oder Grasfrosch todsicher mit seinem Leben.

Frösche retten! Ich bin aufgeregter als ich als Mitbeobachter der neulichen Bombenentschärfung in der Innenstadt war. Ausgerüstet mit schwarzen, glatten Handschuhen (die mir meine Friseurin als sicher nützliches Utensil überließ), mit einem großen, leeren Eimer mit Deckel und der Aufschrift Mayonnaise, den mir die Lieben zuhause mit auf den Weg gaben mit der Stichelei: „Der passt zu den Froschschenkeln!“ sowie einer Stirnlampe und mit einer weiteren Leuchte in der Hand, treffe ich mich bei Einbruch der Dunkelheit am Ortsausgang Untergrombach Richtung Weingarten mit Regine Carl vom Umwelt- und Naturschutzverein Untergrombach. Die Handschuhe kann ich gleich mal vergessen. „Frösche umfasst man mit der bloßen Hand mit einem Griff von vorne und hebt sie so in den Eimer,“ demonstriert mir die Expertin. Aber nicht in meinen, sondern in die eigens für die Frosch-Eínsammelaktion präparierten Eimer mit aufklappbaren Deckeln. Die Lampen sind gut, büßen aber, trotz neuer Batterien, am Ende der rund dreistündigen Tierhilfe zusehends von ihrer Leuchtkraft ein.     Regine Carl stattet mich noch mit einer wärmenden Sicherheitsjacke aus. Auch der hinzugekommene Fotograf schlüpft in eine solche. Die Untergrombacher Naturschützer bilden beim Einsatz Amphibienwanderung immer Zweierteams. Warten allerdings die Frösche reihenweise am Folientunnel auf ihre zweibeinigen Lotsen, wird eilends per WhatsApp Unterstützung angefordert.    An diesem Abend bekommt Regine Carl, die zweite Vorsitzende des Untergrombacher Vereins, Unterstützung von Irene Bründermann – und von mir. Die Wahl-Stafforterin hilft den Naturschützern seit einem Jahr. Den Aufruf damals, dass diese Mitstreiter suchen, hatte sie im KURIER gelesen und sich daraufhin gemeldet. Sie hätte eine schwierige Zeit gehabt damals, raffte sich auf und sagte sich: „Lieber Kröten tragen, als Kröten schlucken.“    Es geht los. Zunächst marschieren wir, wie eine Höhlenforschergruppe, mit den Eimern bergauf durchs Wohngebiet „Im Jüden“, das am Waldrand liegt. „Dort kommen sie immer runter,“ informiert Regine Carl. Die Wetterbedingungen sind gut: Plusgrade, ein wenig Nieselregen. Aber noch kein Frosch lässt sich blicken. Wir durchleuchten mit den Lampen auch jeden Gully. Könnte ja ein Frosch hinuntergeplumpst sein, der nicht mehr raus kann. Schon in der ersten werden wir fündig: eine Maus! Der Nager hat Glück. Regine Carl befreit ihn von seiner misslichen Lage. Was wäre, wenn wir ihn nicht entdeckt hätten? Aus die Maus. Ein unbemerkter, schleichender Tod. Auch von Anwohnern, die tatsächlich ihr Kind auch schon wegzerren beim Anblick eines lebenden Froschs und meinen: „Igitt, komm schnell weg, da ist ein Frosch!“ Regine Carl hat das schon erlebt. Seit 18 Jahren ist sie im Amphibienschutz aktiv und weiß viel.    Ich habe keine Ekelgefühle vor den Amphibien, dafür aber angesichts des Mülls, auf den wir später entlang des Folientunnels am Straßenrand immer wieder stoßen und den vorbeifahrende Zeitgenossen achtlos aus dem Auto geworfen haben. Es ist Respekt vor solch einem kleinen, faszinierenden Lebewesen, das in Zeiten seiner Wanderung auf menschliche Hilfe angewiesen ist. Denn, „die B3“, sagt Regine Carl, ist das sichere Todesurteil für die Amphibien.“ Und war es auch für zwei Frösche, wie wir später in der Nähe der Ungeheuerklamm entdecken: Von ihnen bleibt nur noch ein blutiger Fleck auf der Fahrbahn übrig. Autofahrer rauschen weiterhin drüber. Achtlos. Keine Empathie für das kleine, tierische Schicksal. Entlang der gesamten Hangseite und noch 150 Meter weiter, eigentlich schon auf Weingartener Gemarkung, sind schwarze Folientunnel gesteckt, um zu verhindern, dass die Tiere auf die Straße hopsen. Allerdings gibt es Stellen, wo gewiefte Frösche dennoch die Hürden meistern und dann leider unter die Räder kommen.    „Hier! Der erste Frosch!“ Ein wunderhübsches Tier, hellbraun, glatt und glänzend. Es muss ein Junges sein. Das Kerlchen scheint sich zu freuen, als Regine Carl ihn in der Deckung des Folientunnels am Hang beim Bergwald aufliest und ihn in den Eimer hievt. Ohne Quak-Widerwort. Er muss sich aber noch gedulden, bis er über die B3 getragen wird und da weiterspringen kann Richtung Tümpel.    Der kleine Helfertrupp für die Frösche startet nun am Straßenrand los, entlang der B3 Richtung Ungeheuerklamm, dem Naturschutzgebiet zwischen Untergrombach und Weingarten. Und das sitzen einige. Wenige Meter weiter wartet der nächste Springfrosch. Und hier ein größerer. „Das ist ein Grasfrosch“, klärt Regine Carl auf. Auf dem Leitstein zwischen Hang und Folientunnel halten sich sogar gleich drei wechselwarme Wirbeltiere auf, die auf den „Lift“ warten. Alle werden in einen Eimer gesetzt. „Das ist meiner“, traue ich mich. Der Klammergriff von vorne will nicht gleich klappen, und Schwupps der Frosch springt aus der Hand raus. Der nächste Versuch sitzt. Ich freue mich! Das Lebewesen fühlt sich gut an. Es zickt auch nicht rum. Wenn mehrere im Eimer sind, gehen aber Kämpfe los, so die Experten. Jetzt wird es Zeit, über die Straße zu laufen, um die Frösche auf sicherer Seite wieder freizulassen. Sie drängen aus den Eimern raus. An sicherer Stelle geben wir ihnen noch den nötigen Schubs, und sie hoppeln davon. Ihren Weg zum Laichgewässer finden sie. Der ist im Genpool verankert. Und wieder geht es für uns auf die andere Straßenseite.  Wusch! Dieser Fahrerhatte weit mehr als 50 Sachen drauf. Nur die sind hier erlaubt, davon zeugt das Schild an der Ungeheuerklamm, das zur Vorsicht mahnt. Ein zweites Schild am Ortsausgang wurde umgemäht, Anfang Januar. Der Sünder kam unerkannt und ungestraft davon. Wir Helfer müssen ständig auf der Hut sein. Dieses unaufhörliche Vorbeirauschen, während wir am Straßenrand mit unseren Lampen in den Folientunnel leuchten und nach Amphiben suchen, die den Weg zum unterirdischen Tunnel nicht finden, macht mich nervös. Dabei sind die Wetterbedingungen noch ideal. Es regnet und stürmt nicht. Über uns funkeln Sterne. Wenn die Frösche wandern – nicht alle wandern übrigens jedes Jahr – , sind die Naturschützer sofort zur Stelle. In einer Saison haben sie mal 20 000 Amphibien gerettet. Es sei ja nicht nur die Hinwanderung zu den Gewässern. Nach der Ablaiche wandern die Alten wieder zurück. Und später kommen noch die Jungen nach. Da ist viel Schützenhilfe gefragt.     Im vorigen trockenen Sommer war die Population der streng geschützten Tiere geringer. Allgemein steige sie aber, sagt Regine Carl. Das ist erfreulich. Wir arbeiten uns immer weiter entlang des Folientunnels auf der Suche nach den Tieren. Auch ich entdecke zwischen braunen, welken Blättern einen gut getarnten Frosch. Noch vor den Profis! Es braucht einige Zeit, dafür ein geübtes Auge zu entwickeln.   Überraschung! Irene Bründermann hat einen schwarzen Kammmolch aufgespürt! Sehr selten und besonders gefährdet. Auch er kommt mit den anderen Fröschen sicher durch uns auf die andere Straßenseite. „Das ist einfach erfüllend“, meint Irene Bründermann zufrieden. Ich kann ihr nur beipflichten. Es macht einen glücklich, diese Lebewesen vor dem sicheren Tod zu retten: „Habt ein schönes Leben, ihr Untergrombacher Frösche!“  Nach drei Stunden haben wir 55 Fröschen (Spring-, Grasfröschen – auch Mamafröschen mit dickem Bauch, die ablaichen wollen) und einem Kammmolch über die B3 geholfen. „Das ist für den Start der Saison viel“, fasst Regine Carl zusammen, vermerkt die Anzahl der Tiere und Arten im Notizbuch – für die Meldung beim Landratsamt.
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