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Ein gemeinsamer Notenschlüssel

Bruchsal, 11.07.2019  
Eine bunte Gemeinschaft: Posaunenchöre aus dem Land, zusammen mit ihren Familien und Freunden sowie Bruchsalern beim Konzert auf dem Marktplatz. Foto: Malzer/Fotofreunde Heidelsheim

Der Landesposaunentag ließ Bruchsal klingen und schwingen

Von KURIER-Redakteurin Sonja Zeh

Bruchsal. „Dass so viele Menschen freiwillig zusammen sind und das gleiche wollen, also das ist…“ Die ältere Bruchsalerin, deren Sohn Anfang 50 selbst Trompete spielt und tagsdarauf beim Gottesdienst im Schlossgarten mitspielen sollte, fand für ihre Begeisterung mit Blick auf den voll besetzten Marktplatz, nur ein Wort: „Wahnsinn“, strahlte sie. Ja, es war ein außergewöhnliches Ereignis und Erlebnis, auf tausende Blechbläser in der Stadt Bruchsal zu treffen. Selbst heute, nach rund einer Woche summt man im Geiste noch den Refrain des „Lasst uns miteinander-Motto“: „Singen, spielen, loben den Herrn…“ Ein fröhlicher, leichter Song, den die badischen Posaunenchöre bei ihren Konzerte oft erklingen ließen und der leicht singend über die Lippen kam.

Die ganze Stadt war eingetaucht in die Klänge der Trompeten, Posaunen, Hornisten, Tubisten. Und selbst in die Höhenlagen trug der Wind die musikalische Botschaft hin. „Die geballte Posaunenlandschaft in der gesamten evangelischen Landeskirche“ war in Bruchsal vertreten, wie im Vorfeld des dreitägigen Festivals Landesobmann Ulrich Fischer angekündigt hatte. In Baden gibt es 250 Posaunenchöre mit insgesamt 5 500 Bläserinnen und Bläsern. Wie viele denn nun gekommen waren, lässt sich schwerlich sagen. Die meisten reisten mit dem Nahverkehr an, so das ein Verkehrs- und Parkproblem durch x-Busse nicht auftrat. Wohl kaum einer wird auch mit dem Flieger die Strecke zur Festivalstadt bewältigt haben. Erst recht kein Tubaspieler, hätte er doch einen zweiten Sitzplatz für sein zwölf Kilo schweres Instrument buchen müssen. Die Tuba sei deshalb kein Instrument fürs Reisen, zitierte Pfarrerin Wibke Klomp aus Walldorf einen Kirchenmusiker. Der habe aber auch gesagt, das Gute sei, das man dann im Flieger zwei Essen kriegt! Das war ein gelungener Lacher beim gemeinsamen Open-Air Konzert am vergangen Samstag abend auf dem Marktplatz. Die Pfarrerin, welche dieses Konzert moderierte, hatte auch unter den Zuschauern einen neuen Bläser entdeckt: „Horst, Du hast Talent“, stellte sie vergnüglich fest, als er versucht hatte, einem Stück Gartenschlauch einen passablen Ton zu entlocken.

Alle zwei Jahre trifft sich die Posaunenfamilie zum Landesposaunentag, um gemeinsam zu feiern. Vor zwei Jahren in Offenburg und nun erstmals in Bruchsal. Und die Barockstadt bewies erneut, dass sie große Musik-Festivals ausrichten kann. Und dieses Mal noch zusammen mit dem Schlossfest, welche durch Choralbäser bereichert wurden. „Es soll gegenseitig schwingen“, hatte sich OB Cornelia Petzold-Schick bei der Eröffnung gewünscht: „Wir wünschen uns, dass Sie von Bruchsal Gutes mitnehmen, und die Schwingungen die wir hier durch Sie erleben auch von uns mitnehmen können.“ Gesellschaftskritik klang im Grußwort von Dekanin Gabriele Mannich des Kirchenbezirks Bruchsal-Bretten durch: „Am Zusammenspiel scheint heute keiner mehr Interesse zu haben.“ Jede Meinung kreiere sich einen eigenen Notenschlüssel und deklariere den zu dem einzig richtigen. Der Landesposaunentag wirke da kontraproduktiv, „da wir bereit sind, einen vorgegebenen Notenschlüssel für unsere Stimme zu akzeptieren. Vielleicht braucht unsere Gesellschaft wieder einen gemeinsamen Notenschlüssel, um sich gegenseitig zu achten und wertzuschätzen.“ Für sie heiße der eine Dirigent Jesus Christus.

„Singen spielen, loben den Herrn…“ Es klingt noch immer im Ohr.

Ebenso wie das durch die Bläser intonierte „Hallelujah“ von Leonard Cohen. Alle auf dem Platz Anwesenden verstummten ergriffen. Dem Konzert schloss sich die Abendandacht an. Später in der der Stadtkirche beendeten Profibläser exzellent den Abend.

Erfrischend begann der Sonntagmorgen nach einer abkühlenden Nacht im Schlossgarten, auf dem sich Tausende zum ökumenischen Festgottesdienst mit Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh versammelten. Dass Amüsantes auch zum geselligen Miteinander gehört, zeigte sich auch hier: Denn Landesobmann Fischer witzelte bei der Mikroprobe: „Der Pfarrer sagt, mit dem Mikro stimmt was nicht. Die Gemeinde erwidert: Und mit Deinem Geiste“ „Als alle das Motto-Lied „Lasst uns miteinander“ anstimmten, blitzte auch die Sonne wieder durch. Wie kann Vertrauen und Gemeinschaft wachsen? Wie können aus Fremde Freunde werden? Die Predigt des Landesbischofs mündete in dem Zusammenhalt der Bläser. Wie eine Gemeinschaft entsteht, sehe man hier beim Landesposaunentag. Dieser dachte auch an die Ferne: Die Kollekte war für die Posaunenarbeit in Indonesien und Südafrika bestimmt. Überdies wurde die Neuaufnahme von fünf Posaunenchören in den Landesverband verkündet. Ein von Kindern gemaltes Bild als Erinnerung an den Landesposaunentag wurde Erika und Georg Will von der evangelischen Kirchengemeinde Bruchsal übergeben. Als Fazit des Festivals bleibt nicht nur ein bei der Verlosung gewonnener Kugelschreiber sondern vielmehr der darauf vermerkte Slogan haften: „Posaunenchor… find ich spitze!“
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