Anzeige
Sie sind hier: Home  Bruchsal  Eine Lehrstunde gegen Vorurteile

Eine Lehrstunde gegen Vorurteile

Bruchsal, 10.01.2019  
Sein Anderssein stellt Rainer Schmidt in seinem Kabarettprogramm bewusst ins Zentrum. Foto: Lother

Rainer Schmidt ist Kabarettist und behindert

Anzeige
Anzeige

Stutensee-Staffort (ml). Rainer Schmidt ist etwas Besonderes. Er ist Pfarrer, Kabarettist und behindert. Und diese Eigenschaft macht er zu seinem Programm, sozusagen zu seiner Berufung, um damit durch die Lande zu touren und für Inklusion zu werben. Am vergangenen Samstagabend war er unter dem Titel „Däumchen drehen – keine Hände, keine Langeweile“ in der Stafforter Kirche zu Gast. Schmidt ist mit verkürzten Unterarmen ohne Hände und einem verkürzten Bein geboren und hat sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes in die Hand genommen. Er hadert nicht mit seinem Schicksal, sondern hat es angenommen und macht das Beste draus. Er stellt sein Anderssein bewusst ins Zentrum, aber so, dass niemand an ihm vorbeikommt: „Danke, Gott, dass ich nicht so langweilig aussehe wie mein Publikum“.    Zwei Stunden lang beleuchtet der Kabarettist seine eigene Situation aus allen Perspektiven. Seine Geschichte beginnt bei seiner Geburt. Mit hohem pantomimischem und schauspielerischem Können demonstriert er den Schock seiner Eltern bei seinem Anblick. Die dramatische Stille im Publikum genießt er, um zu spötteln: „Keine Bange, ich bin auch Notfallseelsorger.“ Mit dem Vorschlag, dass er in eine Einrichtung kommen soll, geht es zum ersten Mal um Inklusion: Seine Mama habe ihn nicht „weggegeben“, sie habe ihn „unter ihrem Herzen getragen“ und „dazugehören lassen“. Dann fordert der Kabarettist seine Zuhörer auf, ihm Fragen zu stellen und Vorschläge zu machen, was er eigentlich nicht könne. Sie finden nichts. Jede Frage kontert er mit überraschenden Ideen, Hilfsmitteln und einer überaus lebensbejahenden Einstellung. Er macht Mut und zeigt, dass mit Willen und Geduld vieles geht. Inklusion bedeute, dass nicht alle dasselbe können müssen. Das Ziel sei das gleiche, es werde nur auf verschiedenen Wegen erreicht. Schmidt geht noch weiter. Behinderung sei eine Verunsicherung des Gegenübers, fährt er fort. Diese Verunsicherung im Umgang mit behinderten Menschen wolle er den Zuschauern nehmen. Schon geht er auf eine Frau zu und demonstriert, wie selbstverständlich man ihm die Hand schütteln könne. Er habe sich Handschuhe gekauft. Was könne er noch machen? „Nagellack kaufen“ kommt es aus dem Publikum. Er habe mehrere Strategien, verrät er. Die beste sei Humor und direkte Konfrontation.    Schlussendlich kommt er zur „Königsdisziplin“: Die Behinderung sei eine Grenze, aus der Betroffene Stärke schöpfen könne. Sie mache das Leben bunt und lebendig. Wiederum ein Beispiel: Er bittet nur um eine kleine Hilfeleistung. Die übertriebene Fürsorge, die ihm daraufhin zuteil wird, nutzt der Kabarettist natürlich bodenlos aus. „Sie müssen sich nur trauen“, empfiehlt er dem Publikum, „dann können Sie sehr viel Spaß haben mit ihren Grenzen.“    Der Abend war mehr als Unterhaltung. Er war eine Lehrstunde gegen Vorurteile, gegen Bilder im Kopf, die erst bei näherem Hinsehen im zweiten Schritt durchsichtig werden. Der zweite Schritt lohne sich.
Mehr Artikel im ePaper Ausgabe Bruchsal lesen

Anzeige