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Erfinder des Motor-Getriebeaggregats

Bruchsal, 09.08.2018  
Albert Obermoser entwickelte den Vorlegemotor und revolutionierte damit die Antriebstechnik. Bruchsal wurde damit zur Heimat der deutschen Getriebemotoren-Industrie. Foto: pr

KURIER-Serie über Albert Obermoser: Fabrikant und Ehrenbürger in Bruchsal, Die Anfänge bis 1913 (1)

Von KURIER-Redakteurin Sonja Zeh

Bruchsal. Er ist ein Bruchsaler Ehrenbürger, hat viel für Bruchsal getan und doch scheint es so, als geriete er in Vergessenheit. Doch, was Albert Obermoser in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts angestoßen hat, ist heute noch in Bewegung. Nur: Die Firma Obermoser existiert längst nicht mehr und ging 1973 in die Firma SEW auf – dem heutigen Global Player in Sachen Antriebstechnik.    Der Fabrikant Albert Obermoser war aber auch bekannt durch seine vielfältigen Dienste, vor allem durch seine Hilfsbereitschaft, die Not der Armen in der Stadt Bruchsal zu lindern. Auch die Orgel in der Sankt Antoniuskirche in der Bruchsaler Südstadt, die Obermoser stiftete, zeugt von seiner Großzügigkeit. Im Jahre 1961 bei Vollendung seines 70. Lebensjahres überreichte ihm die Stadt den Ehrenbürgerbrief. Albert Obermoser verstarb 1969, und „eine unübersehbare Trauergemeinde begleitete Albert Obermoser zu seinem Ehrengrab neben der St. Peterskirche und in vielen Nachrufen wurden nochmals die vielfältigen Verdienste des Verstorbenen gewürdigt“, so ist in einer Bruchsaler Chronik vermerkt und soweit im Grunde die wenigen und oberflächlichen Fakten, die in Bruchsals Annalen über diesen bemerkenswerten Mann zu finden sind.

Ganz entscheidend war das Jahr 1928 für den 1891 in Bruchsal geborenen Albert Obermoser. Genaugenommen das Datum 11. August 1928. Vor 90 Jahren stellte ihm nämlich das Reichspatentamt die Urkunde über die Erteilung des Patents 576436 aus. Seine Erfindung führte die Bezeichnung „Motor-Getriebeaggregat“. Obermosers Patentanspruch lautete original: „Motorgetriebeaggregat mit einem am Getriebegehäuse angeflanschten Motorkörper, bei dem die Motorwelle an einer Seite statt in einem Lagerschild in der Wandung des Getriebegehäuses und die Vorlegewelle in zwei Wänden des gleichen Teils dieses Gehäuses gelagert sind, dadurch gekennzeichnet, dass das Getriebegehäuse an seiner dem Motor abgekehrten Stirnseite mit einer kreisförmigen Öffnung versehen ist, die die Einführung sämtlicher Getrieberäder in das Gehäuse ermöglicht und die eine Kreisführung für eine sie abschließende Platte bildet, an der das Lager der getriebenen Welle exzentrisch in Bezug auf die Kreisführung angeordnet ist.“

Doch, um den beruflichen Weg Obermosers zu skizzieren, muss zunächst ein Blick auf seine Herkunft erfolgen. Viele private Einblicke in seine Laufbahn vermittelt der Werk-Bildbericht von Max Seidel anlässlich „50 Jahre Obermoser Motoren“, herausgekommen im November 1963. Es ist fast so wie ein Tagebuch Obermosers, auf jeden Fall seine persönliche Lebensgeschichte: „Meinen Freunden, Abnehmern und Mitarbeitern widme ich meine Erinnerungen, insbesondere denen, die über die Zusammenarbeit, die geschäftlichen Beziehungen hinaus mit mir Dank empfinden.“

Seit sechs Generationen waren die Obermosers in Bruchsal ansässig. Sie waren Mechaniker, Landwirte, Weber. 1891 ist das Geburtsjahr von Albert. Er wuchs in einem strengen Elternhaus auf. Wie es heißt, lernte er Innigkeit, Freude und Verwöhnen nicht kennen. Und zur Schule sei er nicht gerne gegangen. Albert war nicht gut in Grammatik und Sprachen, eher die Physik weckte seine Talente. Mathematik, Turnen und Zeichnen mochte er ebenso. Der Vater Karl, hatte eine mechanische Werkstatt in Bruchsal und vertrieb Fahrräder und Singer-Nähmaschinen. Er verlieh das neue Veloziped, wie die ersten Fahrräder genannt wurden, gründete einen Velozipedklub und gab Fahrschulkurse. Diese Fahrräder waren beliebt, und so waren Albert und sein Bruder Karl, welche die Modelle ausprobierten, in dem väterlichen Betrieb beim Montieren eingespannt worden.    Neue technische Attraktionen, wie die erste Zeppelinfahrt, die Dampfmaschine mit über 100 000 PS und die Entdeckung der Röntgenstrahlen um die Jahrhundertwende blieben auch bei Obermoser nicht unbeeindruckt. Albert war zwölf Jahre alt, als er sich fragte, warum man ihm zuhause zu wenig zutraute. Der Bruder, der sein Abitur machte, vom Dipl Ing,. zum Dr. Ing., dann Offizier wurde, hatte die Eltern mehr überzeugt. „Immerhin zeigte ich mich recht begabt im Geschirrwaschen und Schuheputzen, sparte damit der Mutter die Haushilfe. Weil ich oft von Amerika schwärmte, schließlich war Vater dort gewesen, hatte sie wohl Angst, ich könnte den Spuren des Löwen folgen,“ hielt Obermoser in seinen Erinnerungen fest und weiter: „Eines Tages mochte ich einfach nicht mehr. Es musste etwas geschehen. Ich wollte es ihnen schon zeigen was in mir brodelte.“

Es war das Jahr 1903, als er vom ersten Motorflug der Brüder Wright hörte. Und erstmals traf bei Obermoser Natur und Technik zusammen. Mit seinem Vetter aus Köln machte er sich auf zu einer Spritztour mit dem Veloziped nach Heidelberg. Die endete in Pannen, wie er diese Tour einmal schriftlich fixierte. Das letzte Drittel der Heimreise mussten die beiden Jungs das Gefährt schieben. Und in weiter Ferne sollte es gelungen sein, mit einem Kraftwagen Amerika zu durchkreuzen?    Der Amerika-Gedanke ließ Albert Obermoser nicht mehr los. Als er 17 Jahre alt war, packte er die Gelegenheit beim Schopf. Mit dem Schiff reiste er in die große Welt. Seine Lehr- und Wanderjahre begannen. Im Obermoser-Jubiläumsband erinnert er sich: „Das tägliche Brot verdiente ich mir durch Gelegenheitsarbeit, die gerade anfiel. So verlegte ich in einem vierstöckigen Gebäude eine elektrische Klingelleitung in allen vier Etagen – vom Eingang aus mit Druckknopf zu bedienen. So etwas imponierte damals ungemein und ließ die meisten Zuschauer Mund und Nase aufsperren. Eine alte Dame belohnte mich mit einem großen Stück Sahnetorte. Bärtige Männer achteten mich als gestandenen Mann und boten mir die ersten Zigarren an.“    Doch Albert Obermoser wollte mehr lernen, größere Aufgaben und mehr Geld verdienen. Er verließ New York und zog weiter nach Philadelphia, wo er einige Monate in einer Firma von Neukonstruktionen von Tiefseevermessungsinstrumenten arbeitete.    Kanada sah er und war beeindruckt von den Niagarafällen, deren erstes Kraftfeld 1896 entstanden war und etwa 700 000 kW geleistet haben soll. 1910 fand er in Chicago Beschäftigung bei der Firma Christian Hans Stoelting Scientificworks, die heute noch existiert. Sie lieferte technische Lehrmittel für die Physikalischen Institute der Universitäten. Dort lernte er, wie er schwärmte, famose Spezialisten kennen. Und so legte Obermoser den Grundstein für seine späteren verschiedenen Getriebe-Erfindungen. „Stets gab es etwas Neues zu sehen und vielerlei aus allen Gebieten des Motorenbaues zu lernen.“ Der Bastler und Tüftler verschaffte sich Anerkennung beim „Old man“, wie er sagte.    Er büffelte einige Formeln, eignete sich aus Büchern das nötige technische Rüstzeug an und wurde an uhrwerksgetriebenen, drehzahlregelbaren Apparaten für wissenschaftlichen Bedarf beschäftigt. So lernte der junge wissbegierige Obermoser von 1910 bis 1912 in Chicago die Spindel drehen, Zahnräder auf Spezialmaschinen fräsen und alles was dazugehört.    Albert Obermoser war zufrieden mit seiner Arbeit. Doch dann meldete sich die Heimat: Er erhielt vom Konsulat in Chicago einen Musterungsbefehl. Im Falle eines Krieges sollte er sich am 6. Mobilmachungstag in Rastatt beim Feldartillerie-Regiment 30 melden. Obermoser konnte nun, die amerikanische Staatsbürgerschaft erwerben oder als Soldat zurückkehren. Aber das Heimweh war stärker: „Mit ‘Christoph Columbus’, zweiter Klasse, dampfte ich heimwärts. Bruchsal hielt mich fest. Ich blieb in Deutschland.“ (Teil zwei folgt)
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