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Kein Paulusheim gebaut, sondern Wirtschaftshof

Bruchsal, 19.09.2019  
Diese Feldpostkarte um 1915 zeigt den Gesamtumfang der „Bleiche“. Zu erkennen sind aufgehängte sowie ausgebreitete große Wäschestücke. Foto: Archiv Jürgen Schmitt, Neuth.

Vor 100 Jahren kauften die Pallottiner das große Areal „Bleiche“ in der Bruchsaler Obervorstadt

Bruchsal. Inzwischen prägen sie das Stadtbild mit – die Häuser, die heute noch manchmal belächelt werden als „umgedrehte Schuhschachteln“. Anfang Juli vor 15 Jahren hatte man mit dem Bau dieser Häuser an der Ecke Berg-/Hans-Thoma- und Badstraße begonnen, um Familien, Neuzugezogenen eine neue Heimat zu schaffen. Entstanden ist ein neues Wohnviertel unterhalb des Bruchsaler Sankt Paulusheimes, dort, wo die Pallottiner einst ihren Wirtschaftshof betrieben, den sie dann aufgaben und verkauften. Somit hatte die Gemeinschaft – die Gesellschaft des Katholischen Apostolats – dort eine über 80 Jahre währende Tradition beendet. Das Gebiet wird auch „Bleiche“ genannt (2004 ist über deren Geschichte ein Buch erschienen). Zurück geht der Name auf alte Zeiten, als es nämlich noch keine Waschmaschinen gab und man seine Wäsche überm Bottich an einem Brett schrubbte. Danach hing man sie auf die Leine oder legte sie auf eine große Rasenfläche zum Trocknen – zum Bleichen in der Sonne. Das Wohngebiet entstand also auf dem Grund der „Bleiche“.

Vor 100 Jahren hatten die Pallottiner diese Bleiche erworben, genau am 25. September 1919, den an diesem Tag schlossen sie mit der Bruchsaler Familie Tröstler den Kaufvertrag ab. Was wollten die Pallottiner im Jahre 1919 mit dem Gebiet? Sie wollten sich eine neue Bleibe aufbauen. Das Paulusheim existierte damals noch nicht. Die deutschstämmigen Pallottiner waren neu in Bruchsal. Sie waren 1915, als Italien Deutschland den Krieg erklärt hatte, aufgefordert worden, das Land zu verlassen. Mit ihrem Pater Johannes Weber, der bei Sinsheim geboren wurde, war dann eine kleine Gruppe nach Bruchsal gekommen. In der Gaststätte „Zum Wolf“ in der Kaiserstraße waren sie zunächst untergebracht, fanden dann im Herbst 1915 eine Bleibe im heutigen Graf Kuno. Dort wurde die Kegelbahn zur Kapelle umfunktioniert, die der Pfarrer von St. Peter, Robert Stöckle, „zu Ehren des heiligen Paulus“ weihte. Das war das erste Paulusheim, indem 18 Schüler wohnten. Sie besuchten damals das Großherzogliche Gymnasium (heute Schönborn-Gymnasium). Bald aber wurde diese Bleibe den Pallottinern zu eng, da nach Kriegsende mit der Rückkehr der zum Militärdienst einberufenen Soldaten die Schülerzahl auf 42 wuchs.

„Es heißt an Neubau zu denken und Bausteine zu sammeln“, hieß die Losung damals. Quasi um die Ecke war das mehr als zwei Hektar große Bleiche-Anwesen der Familie Tröstler gelegen. Eva Tröstler war zu diesem Zeitpunkt Witwe von ihrem Adam, so dass sie die Gelegenheit ergriff, den großen Besitz mit Gaststätte „Zum Paradies“ (anlehnend an die Namen der Wirte Adam und Eva) sowie die Bleich- und Badanstalt zu verkaufen. Die Gaststätte aber führte sie noch einige Jahre weiter.

Der Erwerbspreis der Pallottiner lag bei 140 000 Mark – „für en Gockler un en Ei“ kauften sie die Bleiche, hieß es im Volksmund. Es war wirtschaftlich betrachtet ein denkbar schlechter Zeitpunkt für den Verkauf. Das Kriegsende brachte wirtschaftliche Ungewissheit, die zum Währungszerfall führte. Das Paulusheim hatte den Erwerb der Bleiche schließlich bis 1925 abbezahlt. Schon aber 1921 kam zu Tage, dass ein in der Bleiche beabsichtigter Neubau eines Paulusheimes nicht möglich sein kann. Das Gebiet war einfach zu sumpfig. Aus diesem Grund baute man das heutige Wohngebiet auch ohne Unterkellerung.

Die Bleiche fiel für einen Paulusheim-Neubau also weg. Was dann? Die Pallottiner erwägten zunächst die Dragoner-Kaserne als ihr neues Domizil, da diese seit dem 1. März 1919 mit der Auflösung des 2. Badischen Dragoner-Regiments Nr. 21 leer stand. Sie hielten die Kaserne für „geeignet“. Warum sie aber diese Absicht nicht weiterverfolgten, bleibt im Dunkeln. Tatsache ist, die Stadt kaufte die Kaserne im Jahre 1922. Die Pallottiner indes erwarben einen Teil des Klosterbergs und setzten dort den Grundstein für ihr St. Paulusheim am 14. Mai 1922.

Die „Bleiche“ hielten sich die Pallottiner als ihren Wirtschaftshof für ihre eigene Versorgung, um ihre hungrigen Studenten satt zu bekommen. Viele Pallottiner-Brüder wirkten dort mit ihren Handwerkstalenten, hielten Vieh, betrieben Landwirtschaft, zimmerten Tische, Stühle, Schränke für das Paulusheim und reparierten Maschinen und anderes, was anfiel. Es war eine selbstlose Arbeit der Brüder, von denen die letzten, Bruder Aribert und Bruder Konrad, den – zumindest für sie – schmerzlichen Ausverkauf der Bleiche miterleben mussten. Sonja Zeh
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