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Konflikt zwischen Reichsbahn und Stadt

Bruchsal, 22.08.2019  
Der dampfende Entenköpfer. So stieg der Nebel auch zur Büchenauer Brücke auf. Archiv R. Fies

Die Geschichte der Büchenauer Brücke in Bruchsal – „die erste Schrägseilbrücke der Welt“, Teil 2

Von KURIER-Redakteurin Sonja Zeh

Der Vorgänger der jetzigen Büchenauer Brücke war eine Eisenkonstruktion. Es gibt einge Bilder von dieser Fachwerkbrücke, doch vom Bau dieser konnten keine ausfindig gemacht werden. Viele  ältere Bruchsaler haben diese Brücke noch in Erinnerung, auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Beim März-Angriff über Bruchsal blieb das Brückenwerk über den Eisenbahngleisen weitgehend verschont. „Nur die Fahrbahn und die Auffahrtsrampen sind beschädigt“, wie aus einem Schreiben vom 11. Juli 1945 der Deutschen Reichsbahn in Heidelberg an das städtische Tiefbauamt Bruchsal hervorgeht.

Die Reichsbahn sah sich nicht in der Pflicht, die Schäden beheben zu lassen: „An der Instandsetzung der durch Feindeinwirkung beschädigten Straßenüberführung hat die Reichsbahn nur ein beschränktes Interesse.“ Wie in diesem Brief die Reichsbahn betonte, obliege die Wiederherstellung der Überführung nach den Bestimmungen des Kreuzungsgesetzes dem Wegebaupflichtigen.“ Demnach war also die Stadt als Unterhaltspflichtige gefragt, die Fahrbahndecke der Büchenauer Straße im Bahnhof Bruchsal wiederherzustellen. Doch die Stadt wollte nicht lockerlassen und forderte, dass die Reichsbahn ihrerseits auch einen Teil zur Behebung der Schäden beiträgt. Stadtbaudirektor Kolb vom Stadtbauamt setzte den Bürgermeister Bläsi von dem Brief des Reichsbahn-Betriebsamts in Kenntnis und forderte darin: „Die Wiederinstandsetzung der Hauptträger-Querträger usw. (Eisenkonstruktion) muss die Reichsbahn übernehmen.“ Gleichzeitig informierte Kolb den Bürgermeister, dass man selbst bereits mit den Auffüllarbeiten der Auffahrtsrampen begonnen habe. Doch fand er es zweckmäßig, wenn die Arbeiten durch die Bahn ausgeführt würden, „welche dann der Stadt die anteiligen Kosten für die Betondecke und den Guss- asphalt-Belag in Rechnung stellen könne. „Bemerken möchten wir noch“, so betonte Kolb, „dass wir die Fahrbahndecke bereits in Ordnung gebracht hätten, wenn der hierzu notwendige Zement zur Verfügung stände.“

Bruchsals Bürgermeister Bläsi nahm den Vorschlag vom Stadtbauamt zur Kostenteilung von Stadt und Reichsbahn in seinem Brief vom 14. August an das Reichsbahn-Betriebsamt in Heidelberg auf und setzte noch folgenden Zusatz hinzu: „Ich bemerke, dass die amerikanische Militärregierung besonderes Interesse an der baldigen Instandsetzung der Büchenauer Brücke hat, da durch die Rheinstraße-Unterführung der starke Autoverkehr in der Ost-West-Richtung unter Umständen nicht geleitet werden kann.“ Einen Monat später kam die Antwort aus Heidelberg. Sie war ablehnend. Man vertrat die Auffassung, dass das Bruchsaler Tiefbauamt, die Arbeiten zweckmäßig ausführen werde.

Man stelle sich dieses Hin- und Hergeschiebe der Verantwortung vor, in einer Zeit, in der Bruchsal in Trümmern lag, große Wohnungsnot herrschte, die Infrastruktur kaputt war – es also Probleme an allen Ecken gab. Die Herstellung der Büchenauer Brücke war da nur eines von vielen, aber ein sehr wichtiges. Deshalb ließ das Stadtbauamt auch nicht locker und bat den Bürgermeister am 9. Oktober 1945 zu prüfen, ob die Stadt wirklich dazu verpflichtet sei, die Instandsetzung der Fahrbahn zu übernehmen beziehungsweise auch die Kosten zu tragen: „…Daraus schließen wir, dass wir nur zur Unterhaltung, also zum Kehren beziehungsweise Reinigen der Straßen verpflichtet sind, nicht aber zur Erneuerung der zerstörten Fahrbahn. Die Sache wird so sein: Die Reichsbahn hat seinerzeit in ihrem Interesse die Brücke gebaut. Die Stadt hat die Unterhaltung inbezug auf die Reinigung der Strecke übernommen. Die Stadt hat seinerzeit auch nicht die Herstellungskosten der Fahrbahn bezahlen müssen.“ Gute Gründe für das Stadtbauamt, zum Schluss zu kommen: „Somit braucht sie jetzt auch nicht diese außerordentliche Erneuerung zu übernehmen.“

Zur Klärung dieser Angelegenheit setzte Bürgermeister Bläsi auf die Vermittlung von Fritz Herzer, der bis September im Ruhestand in Heidelberg lebte und den Bläsi als Verwaltungsdirektor reaktivieren konnte, mit Erlaubnis des amerikanischen Gouverneurs. (Anm. der Red.: Der Bürgermeister hatte zuvor einige Beamten der Stadtverwaltung entlassen müssen, da sie Mitglieder der NSDAP gewesen waren). So sollte Herzer die Wiederherstellung der Büchenauer Brücke mit dem Reichsbahnrat Frei in Heidelberg besprechen. Dieses Gespräch fand auch statt. Was dabei herauskam, wurde schriftlich nicht festgehalten. Wie sich aber aus den weiteren Unterlagen ersehen lässt, nahm die Bahnmeisterei am 20. Oktober die Wiederherstellungsarbeiten an der Büchenauer Brücke auf.

Das Hickhack in dieser Sache veranlasste Bürgermeister Bläsi, in einem Schreiben, datiert vom 24. Oktober 1945, an das Reichsbahnamt in Heidelberg, diese um Überlassung sämtlicher Akten zu bitten: „für Friedhofstunnel, Büchenauer Brücke, Saalbach und Stadtgraben unter dem Bahnhof und Rheinstraße-Unterführung (Anm. der Red.: heute Siemens-Unterführung) in Bruchsal, da beim Brand am 1. März sämtliche Akten der Stadtverwaltung zerstört wurden.“ Und am 29. Oktober notierte der Bürgermeister für das Stadtbauamt, dass an der Büchenauer Brücke gegenwärtig die Reichsbahn die beschädigte Eisenkonstruktion herstellen lässt. Der Straßenkörper selbst muss durch das Stadtbauamt instandgesetzt werden.“ Die Arbeiten sollten nahtlos erfolgen. Immerhin einigte man sich darauf, dass die Bahnmeisterei die Eisenbetondecke an der Fahrbahn der Brücke anbringen sollte – aber auf Kosten der Stadt. Außerdem stand der Bahn eher das Bau-Material für die Arbeiten zur Verfügung. Die Reichsbahn stand in der Materialzuteilung als Verkehrsanstalt an dritter Stelle, die öffentlichen Bauten erst an vierter Stelle. Die Stadt hatte also noch kein Materialkontingent und auch nicht die Facharbeiter dazu.

In der Folge zog die Angelegenheit Kreise. Jetzt mischte sich der Landrat ein, der einen Durchschlag eines Schreibens erhielt, das der Betriebsrat der Vereinigten Eisenbahnsignalwerke Bruchsal an die Reichsbahndirektion richtete. Was der genaue Inhalt war, ist jedoch nicht bekannt. Doch hat dieses Schreiben den Landrat dazu veranlasst, am 20. November 1945 seinerseits dem Bruchsaler Bürgermeister mitzuteilen, dass er mit der Militärregierung Rücksprache genommen habe. Er teilt mit, dass die Stadt als Eigentümer und als haftende Stelle für die Herstellung der Büchenauer Brücke sofortige Vorkehrungen treffen sollte, „damit die Büchenauer Brücke auf dem schnellsten Weg wieder in befahrbaren Zustand gebracht wird, um dann zu ermöglichen, dass die Eisenbahn-Unterführung im Zuge der Bahnhofstraße, Kaiserstraße und Rheinstraße wieder hergestellt werden kann.“ Nach Ansicht des Landrats müsse und könne die Büchenauer Brücke kurzfristig repariert werden, da damit dann eine Umleitungsmöglichkeit für den Verkehr zwischen der Innenstadt Bruchsal und dem Westteil der Stadt sowie der Autobahn gegeben ist.

Am 26. November informierte der Landrat die Militärregierung, dass ihm von der Bahnmeisterei Bruchsal mitgeteilt wurde, dass die Büchenauer Brücke bereits seit 20. Oktober instand gesetzt werde.

Im Übrigen hatte sich die Fertigstellung der Brücke verzögert, da das Grötzinger Eisenwerk die Instandsetzung der Eisenträger nicht fristgemäß durchgeführt hat. Laut Sitzungsprotokoll des Stadtrats vom 10. Dezember 1945 heißt es dann: „Der Stadtrat wird in Kenntnis gesetzt, dass die Arbeiten für die Instandsetzung der Büchenauer Brücke im Gange sind. Außerdem wird mitgeteilt, dass mit der Herrichtung der Zu- und Abfahrtsrampen in den nächsten Tagen begonnen wird.“ Ende Dezember hatte die Bahnmeisterei die Fahrbahnplatte der Brücke fertig betoniert. Doch der Frost legte die weiteren Arbeiten lahm. So konnte die Brücke noch nicht für den Verkehr freigegeben werden. Sobald es die Witterung zuließ konnten dann die Straßendecken und die Böschungen der Büchenauer Straße in Ordnung gebracht werden. Die Frostperiode hielt bis Anfang Februar an. Der Beton wurde dadurch nicht hart, und man musste noch einige Wochen warten, „zumal kein hochwertiger, sondern nur gewöhnlicher Portland Zement verwendet wurde“, wie es hieß. Polizeiwachtmeister Molitor erklärte in einem Schreiben, dass nach dem Frost das schlechte Wetter einsetzte, „wo eine Instandsetzung der Brückenrampen unmöglich war, (….) Auch konnte in die Bombentrichter der Böschungen kein gefrorenes Material eingefüllt werden.“Letztlich erfolgten die Arbeiten, und die Büchenauer Brücke konnte ein Jahr nach dem März-Angriff ’45 für den Verkehr freigegeben werden.

Teil drei folgt.
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