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Wie stand d’Babette zum Frauenwahlrecht?

Bruchsal, 18.04.2019  
Babette Ihle engagierte sich anno 1919 politisch für die Zentrumspartei – auch durch gereimte Wahlpropaganda. Foto: Stadtarchiv

Die Bruchsaler Marktfrau und Heimatpoetin war im Denken rabenschwarz

Das Thema Frauenwahlrecht war anno 1919 in Bruchsal nicht neu. Schon seit etlichen Jahren gab es einen diesbezüglichen Verein. Im November 1908 war Gründung des „Vereins für Frauenstimmrecht“ erfolgt, der später zum „Verein für Frauenbestrebungen“ umbenannt wurde. Diese exakte Information verdanken wir Bürgermeister a.D. Wilhelm Mehner. Dieser fungierte als gewählter Bruchsaler Sozialbürgermeister ab Spätherbst 1919 und war die nimmer müde „rechte Hand“ des Oberbürgermeisters Dr. Karl Meister bis 1934. Mehner, von 1898 bis 1919 als Ingenieur für das Eisenbahnsicherungswesen bei der Bruchsaler Firma Schnabel & Henning (Eisenbahnsignalwerke), war nach eigener Auskunft Mitbegründer und Vorstandsmitglied dieses „Frauenvereins“ bis zu dessen Verbot und Auflösung 1933.

Während Mehner (1876 – 1943) Mitglied der Demokratischen Partei war und 1909 in den Vorstand des Bruchsaler Stadtverordnetenkollegiums gewählt wurde, ist die Erkenntnislage bei Babette Ihle (1871 – 1943) etwas komplizierter. Hatte die stadtbekannte Bruchsaler Marktfrau, Heimatpoetin, Büttenrednerin und ausgewiesene Lokalpatriotin überhaupt etwas mit Parteipolitik am Hut? Sie hatte, zumindest was die neue Errungenschaft „Frauenwahlrecht“ anbelangt. Bekanntlich fand vor 100 Jahren – am 19. Januar 1919 – mit der Wahl der Deutschen Nationalversammlung die erste reichsweite deutsche Wahl statt, bei der Frauen das aktive und passive Wahlrecht besaßen. Dieser war für Bruchsalerinnen bereits der zweite Urnengang aufgrund des erst am 30. November 1918 verabschiedeten Reichswahlgesetzes. Wahlberechtigt waren jetzt alle deutschen Männer und Frauen, die am Wahltag das 20. Lebensjahr vollendet hatten.

Es gäbe kaum aufschlussreiche Hinweise, ob Babette Ihle parteipolitisch interessiert war, wäre da nicht ihr überliefertes Mundartgedicht, das versehen mit einem Hinweis auf die Landtagswahl, unmittelbar vor der Reichstagswahl verfasst wurde und somit auch genau datierbar ist. Wie Babette damit Wählerinnen zum zweiten Urnengang bewegt hat, etwa bei Wahlveranstaltungen, auf dem Wochenmarkt oder gar über die lokale Presse ist nicht bekannt. Allerdings galt der „Bruchsaler Bote“ als zentrumsnah. Erhalten sind die Verse als (spätere) Schreibmaschinenfassung, wogegen der Urtext, wie immer bei Babette, handschriftlich verfasst war. Das Gedicht beginnt mit: „Jetzt kånn ma uns doch amol brauche, uns Weibsleit all minånner.“

Im politischen Denken beheimatet war die kirchlich recht aktive Obervorstädterin wie fast alle zur Peterspfarrei zählenden Männer und Frauen bei der katholisch geprägten, gern als „rabenschwarz“ bezeichneten Zentrumspartei. So ist es kaum verwunderlich, dass sie, wohl mit Rückendeckung dieser Partei, – mindestens einmal gesichert, vielleicht auch mehrfach – dem gewählten mehrköpfigen Gremium der Stadtverordneten angehörte.

Diese Einrichtung ist uns heute kaum mehr bekannt, lässt sich aber in etwa mit der Teilhabe „sachkundiger Bürger“ in beratenden Ausschüssen der Neuzeit vergleichen. Allerdings wurden Stadtverordnete sozusagen als Vertreter der Parteien gewählt. Sie hatten sozusagen als „Stimme des Volkes“ bei diversen, örtlichen Themen beratende Funktion für die Stadträte, die sich an den Beschlüssen des Beratergremiums orientieren konnten. Nur bestimmte Themen für Gemeinderatsbeschlüsse wurden an diese Versammlung zur Beratung und Abstimmung geleitet. Ein Beispiel dafür war die Urkunde zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den Bruchsaler Amerikaner John Bopp am 15. April 1924. Sie ist eigens auch vom damaligen „Obmann der Stadtverordneten“ Gremmelspacher mit unterzeichnet.

Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Babette Ihle bei den Bürgern anerkannt und beliebt war, lässt sich aus der Tatsache ablesen, dass sie in ihrer Heimatstadt gewählte Stadtverordnete war. Für sie ging es einmal um die Erhöhung des Wassergeldes. Dies beweist ein Blatt mit Versen Babettes, das ursprünglich von der Stadtverwaltung stammt. Dieses „amtliche“ Papier ist mit einen kurzen Text zum Thema „kostendeckende Erhöhung des Wasserpreises“ bedruckt. Darauf findet sich aus der Feder der Mundartpoetin der handschritliche Schluss des Gedichtes “Heit hat s Schbringers Gustav Hochzich ….“ über dessen Hochzeit in der Peterkirche. Aus der Druckvorlage ist klar zu entnehmen, dass Babette Ihle damals Bruchsaler Stadtverordnete war.

Die offenherzige Reimeschmiedin fand auch als dichtende Lokalpolitikerin resolute Worte in ihrer Wahlpropaganda mit einer überdeutlichen Wahlempfehlung. Ihr ehrenwertes Anliegen war es einerseits, noch mehr Frauen zum Urnengang zu bewegen. Überdies wollte sie ihre Geschlechtsgenossinnen davon abhalten, die Stimme einer „falschen“ Partei zu geben, den „Roten“.

Stefan Schuhmacher

Doch lesen Sie unten selbst das 100-jährige Mundartgedicht im „Owwervorschdadtdialeggt“ am besten laut. Wörter mit kleinem o über dem a liest man oa, „un“ (und) ist „unn“ zu lesen, „schun“ (schon) als „schunn“ und „en“ (ein, einen) als „enn“. Viel Spaß dabei!
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